Samstag, 23. September 2017

Überarbeitungsfibel Teil 3: Passivformulierungen

In meiner neuen Blogreihe "Die Überarbeitungsfibel: Überarbeiten Schritt für Schritt erklärt" erzähle ich, worauf es beim Überarbeiten Deines fertigen Textes ankommt, welche Fehler Du wie finden und vermeiden kannst, und was ich immer wieder in Lektoraten finde. 
Warum überarbeiten so wichtig ist und Du Dir die Mühe unbedingt machen solltest, erfährst Du hier: 4 Gründe für das gründliche Überarbeiten


Heute: Passivformulierungen und spüren, sehen, hören

Passivformulierungen gehören zu den Dingen, die mich zuverlässig aus einem Text herausreißen. Vielleicht geht es euch ja auch so. Man erkennt man häufig an dem Wort "wird/wurde".

Etwas wurde getan.

Da wir aktiv eine Geschichte erzählen, wirken solche Sätze meist blass, statisch und lassen die Hauptfigur inaktiv, wenn nicht gar hilflos erscheinen. Gerade wenn etwas mit ihr getan wird, wird die Hauptfigur zum Spielball. Wir wollen allerdings, dass unsere Hauptfigur aktiv ihre Abenteuer bestreitet.
Außerdem lassen Passivformulierungen häufig Informationen weg. Wer tut denn gerade was genau? Und warum? 
Um einen dynamischen Text zu bekommen, also besser aktiv formulieren.

Als Beispiel:
Sie wurde an seine breite Brust gezogen.

Unsere Sie wirkt gerade sehr hilflos und die Geste an sich könnte ebenso gut fürsorglich wie bedrohlich beim Leser ankommen. Außerdem stellen sich die Fragen, wer sie denn an wessen Brust zieht - und warum?

Ralf zog sie an seine breite Brust  - und küsste sie sanft auf den Scheitel oder: und erstickte damit ihren Widerspruch.

Auch hier führt unsere Sie die Aktion zwar nicht selbst aus, aber sie wirkt plastischer, lebendiger und man hat mehr Bilder im Kopf als bei dem ersten Satz.

Auch in diese Kategorie der wenig dynamischen Sätze fallen Formulierungen wie:

Sie spürte, dass sie an seine breite Brust gezogen wurde.

Das ist natürlich Unsinn. Wenn wir einen personalen Erzähler haben, erzählt uns derjenige (in diesem Fall Sie) die Geschichte mit allem, was sie sieht, hört, riecht, weiß und spürt. Daher ist es unnötig zu sagen, dass sie spürt oder sieht, wie etwas geschieht. Wenn es nicht so wäre, könnte sie uns die Geschichte ja nicht erzählen.

Sie spürte, dass Ralf bei ihrer Berührung erstarrte.

Besser:
Ralf erstarrte, kaum dass sie ihn berührte.

Weitere Beispiele:
Sie kann sehen, dass er rot wird.
Sie sah, dass Nebel aufzog.
Sie hörte, wie die Tür knallend ins Schloss fiel. (Achtung: Gleichzeitigkeit!)

Besser:
Er wird rot.
Nebel zog auf.
Die Tür fiel mit einem Knall ins Schloss. Sie erschrak.



TO-DO-LISTE PUNKT 3
Bei einem Überarbeitungsdurchgang markierst Du alle Stellen, in denen wurde, spürte, fühlte, sah und ähnliche Formulierungen vorkommen und überlegst, ob Du das nicht aktiver und dynamischer beschreiben kannst.
Bisher hatten wir: 
Gleichzeitigkeiten
Füllwörter

In wenigen Tagen geht es weiter mit Wortwiederholungen.

Am Ende meiner "Überarbeitungsfibel" biete ich 5 Autoren exklusiv an, eine Seite ihres rohen Textes zu überarbeiten, um die einzelnen Schritte zu veranschaulichen.

Deine Sandra

1 Kommentar:

  1. Hallo Sandra, deine Überarbeitungstipps sind wirklich gut und klar beschrieben. Anhand dieser Tipps kann man tatsächlich sehr gut seinen Text überarbeiten. Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße, Heike Rissel.

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