Samstag, 4. November 2017

Mut zur Nische: "Das Geheimnis der Madame Yin" von Nathan Winters

Im Rahmen von Mut zur Nische stellen wir alle zwei Monate sogenannte Nischenbücher vor, um sie ins rechte Licht der Buchwelt zu rücken.

Definition Nischenbücher findet ihr hier: https://sandraflorean-autorin.blogspot.de/2017/08/mut-zur-nische-centro-von-katharina.html#more

Dieses Mal war es "Das Geheimnis der Mandame Yin" von Nathan Winters, ein viktorianischer Krimi. Da hier Frauenmorde im Mittelpunkt stehen, habe ich mich mal folgendem Thema angenommen:

Die Rolle der Frau Ende des 19. Jahrhunderts

Das viktorianische Zeitalter, in dem dieser Roman spielt, erfreut sich heutzutage großer Beliebtheit. Nicht nur für Sherlock Holmes Fans, sondern auch die Steampunk-Szene ist dort angesiedelt. Und gerade viele Frauen orientieren sich zum "Viktorianischen". Dabei hatten die Frauen es im England des 19. Jahrhunderts nicht leicht.

Für die Oberschicht waren sie nicht mehr als Statussymbole. Hübsch eingepackt in monströs eng geschnürte Kleider sollten sie vor allem gut aussehen und nach Möglichkeit nicht viel im Kopf haben. Sie wurden von ihrer Familie "gewinnbringend" verheiratet. Sexuelle Verkehr war für angesehene Frauen erst nach der Heirat und dann auch nur mit ihrem Ehemann möglich. Wohingegen die Herren der damaligen Zeit natürlich ihren sexuellen Ausschweifungen nachgehen durften und sich niemand daran gestört hätte. Mit der Heirat waren sie ihrem Mann voll ausgeliefert und hatten kein Recht auf Eigentum.
Ich gehe davon aus, dass sich gerade die allzu oft allein gelassenen Damen der besseren Gesellschaft ebenfalls Liebhaber hielten, es nur geschickter und vor allem diskreter anstellten, um ihren Ehemann nicht der Lächerlichkeit preis zu geben. Wurden sie dennoch erwischt, hatte es immense Folgen: neben dem Verlust des Ansehens, wurden sie oftmals aus dem ehelichen Haus gejagt, von der Familie verstoßen und waren auf sich allein gestellt. Von da an konnte es mit diesen verstoßenen Damen nur bergab gehen, denn da sie kaum Schulbildung besaßen und sich ihre Kenntnisse aufs Sticken, hübsch Aussehen und Mode beschränkten, waren sie kaum in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen und sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zumal es mehr als unschicklich war, wenn Frauen allein lebten. Ein Teufelskreis, der auch in "Das Geheimnis der Madame Yin" sehr schön zum Ausdruck kommt.

Als weibliche Tugenden galten Zurückhaltung, Geduld, Duldsamkeit und andere eher passive Eigenschaften. Eigener Wille oder gar der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen, wurde von dem Mann im Leben dieser Frau (entweder Vater, Vormund oder Ehemann) hart sanktioniert und auch von der Gesellschaft verurteilt.
Dazu bin ich über ein Zitat gestolpert, das mich als emanzipierte Frau des Westens nur ungläubig den Kopf schütteln lässt, wenn ich bedenke, dass es noch gar nicht so lange her ist - und dieser Grundsatz offenbar auch heute noch in manchen Ländern streng verfolgt wird:
Die „Geschlechtscharaktere“ aus dem Brockhaus Conversations - Lexikon von 1815: „Daher offenbart sich in der Form des Mannes mehr die Idee der Kraft, in der Form des Weibes mehr die Idee der Schönheit. (....) das Weib ist auf einen kleinen Kreis beschränkt, den es aber klarer überschaut; es hat mehr Geduld und Ausdauer in kleinen Arbeiten. Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt , das Weib mit Güte oder List. (....) Das Weib ist geschäftig immerdar, in nimmer ruhender Betriebsamkeit. (....) Willig beugt das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen.“ (zit. n. Ecker 1985, S. 87, 88) (gefunden in: http://www.oegkv.at/fileadmin/user_upload/Publikationen/schierl.pdf) 
Die Frau ist nach landläufiger Meinung der viktorianischen Gesellschaft sowohl körperlich als auch geistig nicht in der Lage, umfangreichere oder gar bedeutende Arbeiten zu verrichten. Zumal Arbeit außerhalb der heimischen vier Wände als verwerflich galt. Gerade bei Schopenhauer finden sich einige Passagen in der Art, die durchaus ernst zu nehmen sind, aber ein wirklich mieses Bild auf die Sicht der Frauen in der damaligen Gesellschaft werfen. Und das gerade beim ach so gebildeten Adel.

In der Unterschicht sieht es allerdings nicht viel besser aus. Viele Frauen waren gezwungen, zum Lebensunterhalt beizutragen, waren ihren Ehemännern dennoch beinahe rechtelos ausgeliefert. Sie waren kaum mehr als billige Arbeitskräfte, mit denen man nach Belieben verfahren konnte.

Etwa 1869 erhielten Frauen das eingeschränkte Wahlrecht bei Gemeindewahlen. Etwa zu der Zeit existierte bereits eine Frauenbewegung, die allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts militanter wurde. Ein erstes Frauencollege wurde allerdings in England gegründet und ermöglichte den Studentinnen ab 1870 sogar die Erlangung akademischer Grade. Die allerdings keineswegs in der männlich dominierten Gesellschaft anerkannt wurden.

Prostitution ist das Merkmal der viktorianischen Zeit. Für viele "gefallene Mädchen" sahen keine andere Möglichkeit, zu Geld zu kommen, als ihren Körper zu verkaufen. Da es schlichtweg kaum Arbeitsmöglichkeiten für Frauen gab.
Mit dem Ausbau der Eisenbahn und des Postwesens änderte sich das etwas, dennoch blieben die Frauen Spielbälle der Gesellschaft und waren allzu oft von Männern abhängig, die in ihnen nicht mehr sahen als:
 „Die Frau will nicht als Subjekt behandelt werden, sie will stets und in alle Wege - das ist eben ihr Frau - Sein - lediglich passiv bleiben, einen Willen auf sich gerichtet fühlen, sie will nicht gescheut nicht geschont, sie will nicht geachtet sein. Ihr Bedürfnis ist vielmehr nur als Körper begehrt und nur als fremdes Eigentum besessen zu werden. Wie die bloße Empfindung erst Realität gewinnt, in dem sie begrifflich, d.h. Gegenstand wird, so gelangt das Weib zu seinem Dasein und zu seinem Gefühle desselben erst, in dem es vom Manne oder vom Kinde, als dem Subjekte, zu dessen Objekt erhoben wird, und so eine Existenz geschenkt erhält.“ (Schopenhauer "Über die Weiber", zit. n. Ecker 1985, S. 89). 
Interessant ist im Vergleich die Rolle des Mannes, der ebenso sehr nach festgelegten Vorstellungen agieren musste wie die Frauen. Man war der Auffassung, in jedem Mann lebe eine lüsterne, ungehobelte, ungezügelte Bestie, die es unter allen Umständen zu beherrschen galt. Auch Männer sollten sich kultiviert verhalten, ihre Gelüste im Zaum halten und für das Wohl und Ansehen ihrer Familie sorgen, was durchaus enormen Druck bedeuten konnte, wie im Buch auch schon herauskommt. Um es dem Mann nicht allzu schwer zu machen (ihr dürft euch gern diese Zeilen vor Sarkasmus triefend vorstellen) sollten die Frauen alles daran setzen, ebenjene Bestie nicht zu provozieren und zu wecken. Tja ... Dieser absurde Denkansatz scheint sich durch die Geschichte der Menschheit zu ziehen und findet sich leider auch in heutigen Gesellschafts- (Kultur-) formen wider.

So sehr ich auch die guten Manieren der damaligen Zeit, die hübschen Kleider, die Gentlemen, die einer Frau noch die Tür öffneten und vor ihr den Hut zogen, im heutigen Alltag vermisse, möchte ich nicht im 19. Jahrhundert gelebt haben. Und ihr?

Weitere Themen zum Buch:
Covervorstellung - https://diezauberhaftemagiederbuchstaben.wordpress.com/?p=9932 Das viktorianische Zeitalter: https://buchvogel.blogspot.de/2017/11/mutzurnische-das-viktorianische-zeitalter.html

Kommentare:

  1. Hallo Sandra,
    das sind ja teilweise wirklich heftige Zitate, die du ja herausgesucht hast. Damals gab es wirklich ein öffentliches Bild von Frauen, das ja teilweise bis heute nachwirkt, das grauenhaft ist. Doch daneben wurden auch die ersten Ansätze eines moderneren Frauenbildes geprägt, mit dem aufkommenden Wahlrecht, wie du auch beschreibst. Ein spannendes Zeitalter nichtsdestotrotz - aber eines, in dem ich lieber nicht leben möchte.
    Heute ist mein Beitrag zum Zeitalter allgemein online gegangen; mich hat besonders die große Spanne an Neuerungen innerhalb des viktorianischen Zeitalters fasziniert.
    Grüße
    Daniela

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    1. Hallo liebe Daniela,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich war auch echt geschockt über die Worte des so hoch gerühmten Literaten. Ich finde, das Buch zeigt sehr schön, wie schwer es die Frauen damals hatten, und was im Hintergrund alles passierte, was im Grunde gar nicht so dem gelebten Spießbürgertum passt. Nichtsdestotrotz ist diese Epoche, wie Du schon sagst, spannend - nicht zuletzt aufgrund der Neuerungen.

      Viele Grüße
      Sandra

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